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[ Ausgabe 1 : Vorwort zur Ausgabe 1/2010 ]

"Wider Erwarten ziemlich interessant"

Doku-DVD zu Wahlverhalten und politischem Engagement von Jugendlichen

Rund 3,5 Millionen Erstwähler waren aufgerufen, bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 ihre Stimme abzugeben. Das Medienprojekt Wuppertal hat einige von ihnen für eine Filmproduktion interviewt. Die neue DVD vermittelt interessante Einblicke in Politikverständnis und Wahlverhalten Jugendlicher.

In den Wahlkämpfen des eben zu Ende gegangenen Jahres zogen die Parteien alle medialen Register, um Jugendliche für ihre Programme und Kandidaten zu gewinnen: Twittern, Clips auf YouTube, Politikerprofile in Facebook und studiVZ. Ob integrierte Web-Wahlkampf besonders die Erstwähler - es waren so viele wie nie zuvor - in nennenswertem Maße erreicht und gar überzeugt hat, kann mit guten Gründen bezweifelt werden.

Nur zwei von drei Erstwählern gingen 2009 zur Bundestagswahl


Schon bei der Bundestagswahl 2005 lag die Wahlbeteiligung dieser Altersgruppe mit rund 70 % um fast 8 Punkte unter dem allgemeinen Durchschnitt von 77,7 %. Am 27. September 2009 haben mit 70,8 % aber so wenige Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben, wie noch nie seit 1949. Auch wenn das Statistische Bundesamt frühestens Ende Januar 2010 repräsentative Ergebnisse zum Erst- und Jungwählerverhalten veröffentlichen wird, steht wohl jetzt schon fest, dass nicht einmal zwei von drei jungen Staatsbürgern bei der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag ihre Stimme abgegeben haben.

Sie hat am 27. September gewählt
Sie hat am 27. September gewählt

Die Frage, warum manche Jugendliche wählen und andere nicht, hat auch das Medienprojekt Wuppertal e. V. beschäftigt. Die Initiative unterstützt seit 1992 Jugendliche bei ihren Videoproduktionen. Pro Jahr entstehen so rund 100 Filme. Die Wuppertaler greifen in ihren Videos aktuelle und brisante gesellschaftliche Themen wie Sterben, Migration, Gewalt und Behinderung auf. Das Medienprojekt erhielt für sein Engagement bereits viele renommierte Preise.

Auf der neuen DVD "Keine Wahl?" kommen in Parteien engagierte Jugendliche zu Wort ebenso wie Altersgenossen, die sich desinteressiert vom politischen Geschehen abwenden oder, obwohl politisch aktiv, bewusst nicht an Wahlen teilnehmen. Der 18-jährige Sam Bani Amer, der im Schülerparlament seiner Heimatstadt Wuppertal aktiv ist, engagiert sich lieber, statt aus Protest nicht zu wählen. Auch wenn "man nicht alles haben kann", schätzt der Juso Teamwork, politische Aktionen wie den "Nachtexpress", Bildungsangebote und sein persönliches Netzwerk. Alex, ein Jahr älter als Sam, hat im Autonomen Zentrum ein außerparteiliches Betätigungsfeld gefunden. Wählen geht er nicht, formuliert stattdessen seine Kritik am "Reformismus" und vermisst die "Diskussion von Alternativen zur Demokratie".

"Lieber engagieren und wählen" contra "Alle Politiker bauen den gleichen Mist"


Auch Jugendliche mit diesen Meinungen äußerten sich vor der Kamera: "Egal, was ich wähle, alle bauen den gleichen Mist", "Politiker können nicht auf den Punkt kommen" und "Parteien sind ein großer Brei". Ansetzen können bei ihnen Initiativen wie Wahlgang09 und der Wahl-O-Mat. Zwei junge Frauen kommentieren vor der Kamera die Fragen und geben ihre Antworten in die bekannte "Online-Entscheidungshilfe" der Bundeszentrale für politische Bildung ein. Die Berliner Politikfabrik geht mit Podiumsdiskussionen vor den Europa- und Bundestagswahlen an etliche Schulen und ihre Mitarbeiter erläutern die Bedeutung der Parlamente und der Stimmabgabe.

Die Kanzlerin als Vorbild
Die Kanzlerin als Vorbild

"Wider Erwarten ziemlich interessant" und hilfreich für die eigene Wahlentscheidung fanden zwei Schülerinnen eines Käthe Kollwitz Berufskollegs in NRW die Gespräche mit fünf eingeladenen Bundestagskandidaten an ihrer Schule. Der Vertreter von Politikfabrik forderte im Interview von den Parteien, auf Jugendliche zu zugehen und das Gespräch zu suchen, sieht bei jungen Leuten aber eine "Bringschuld".

Die 45-minütige DVD zeigt auch Aktionen, mit denen Parteien um Wählerstimmen werben. Wir besuchen einen Info-Stand der SPD, eine von vielen Jüngeren besuchte Diskussion der "Piraten" und eine Kundgebung mit Kanzlerin Merkel. Die CDU-Veranstaltung wird Ziel eines "flashmobs" von Jugendlichen, die sich zu ihren Motiven für diese Aktion äußern.

Am Tag der Bundestagswahl, dem 27. September, fragten die Teams mehrere Erstwähler nach den Gründen ihrer persönlichen Wahlentscheidung. "Keine Zeit, ich muss heute arbeiten", führt eine Verkäuferin entschuldigend an. Schnitt. "Wir sind mit Freunden unterwegs, haben aber die Briefwahl genutzt", erklärt ein junger Mann. Mit dem Einsatz filmischer Gestaltungsmittel, nicht mit erhobenem Zeigefinger, werden Handlungsalternativen aufgezeigt.

Knappe Analysen und Einschätzungen zur Frage, warum Parteien und Jugendliche sich zunehmend entfremden, steuert Jan Treibel, Mitarbeiter beim Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg/Essen auf der DVD bei. Ein ausführliches Interview mit dem jungen Politologen ist als Bonus enthalten.

Mit der DVD direkt in die Diskussion zum Thema Jugend und Politik


Keine Wahl? Du hast die Wahl
Keine Wahl? Du hast die Wahl

Die brandaktuelle Dokumentation "Keine Wahl?" des Medienprojekts Wuppertal braucht weder filmisch noch inhaltlich einen Vergleich mit professionellen Reportagen zu scheuen. Die Meinungen und Kommentare auf der DVD sind so gewählt und geschnitten, dass sich nach dem Ansehen problemlos Anknüpfungspunkte für Gespräche finden lassen. Die DVD ist deshalb - selbst in Auszügen - ein empfehlenswertes Medium für Seminare und den Unterricht zum Thema "Jugend, Wahlen, Politik".

Das Medienprojekt Wuppertal e. V. stellt die DVD Keine Wahl? ausführlich vor. Sie kostet, ebenso wie das Video, 30 Euro. Die Leihgebühr beträgt 10 Euro.

Online kann eine andere Produktion mit dem Titel Du hast die Wahl abgerufen werden. Jugendliche führten Interviews mit den Spitzenkandidaten aller Parteien in Wuppertal zur Kommunalwahl am 30. August 2009 in NRW. Sehenswert ist vor allem, wie sie mit klaren Fragen den NPD-Kandidaten zu verquastem Gerede über "art- und raumfremde Völker" brachten und zu einem peinlichen rhetorischen Schlingerkurs bei den Themen Hitler und Holocaust zwangen.

Medienprojekt Wuppertal e. V.
Hofaue 59
42103 Wuppertal
Tel. 0202/563 26 47
Fax 0202/446 86 91
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Die Bildrechte liegen beim Medienprojekt Wuppertal.


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